Am 13. November, Ortszeit, haben die Finanzminister der 27 EU-Länder in Brüssel eine historische Entscheidung getroffen: Die ursprünglich für 2028 geplante Abschaffung der Steuerbefreiung für Importpakete unter 150 Euro wird auf Anfang 2026 vorgezogen.
Das bedeutet, dass ab in zwei Jahren alle Waren, die in die EU gelangen – unabhängig vom Wert – sowohl Zoll als auch Mehrwertsteuer zahlen müssen. Zusätzlich wird für jedes Paket eine „Zollabwicklungsgebühr“ von etwa 2 Euro erhoben (Sendungen aus Auslandslagern sinken auf 0,5 Euro).

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Politischer Umbruch: Von Puffer zu Überraschung
Diese Anpassung übertrifft die Erwartungen des Marktes bei weitem.
Als die EU 2023 erstmals die Abschaffung der Steuerbefreiung für Kleinbeträge vorschlug, war eine Übergangsfrist von fünf Jahren vorgesehen. Doch aktuelle Daten zeigen: Im Jahr 2024 stieg die Zahl der importierten Niedrigwertpakete in die EU auf 4,6 Milliarden Stück, doppelt so viele wie 2023. Davon wurden bei 65% der Pakete absichtlich niedrige Werte angegeben, 91% stammen von Tuke-Plattformen aus China.
„Die Dringlichkeit der aktuellen Lage lässt keinen Aufschub zu“, betonte EU-Kommissar Maroš Šefčovič in einem Schreiben an die Finanzminister. Der ursprüngliche Zeitplan für 2028 wurde vollständig verworfen. Im ersten Quartal 2026 beginnt die schrittweise Einführung der Steuer, zum Jahresende wird die Zusatzgebühr von 2 Euro vollständig umgesetzt.
Noch gravierender ist, dass Länder wie Frankreich und Rumänien bereits vorgeprescht sind. Frankreich plant ab 2026 eine eigene Verwaltungsgebühr für Kleinpakete, Rumänien verlangt sogar eine hohe Gebühr von 5 Euro pro Paket und drängt die EU zur schnellen Vereinheitlichung der Politik.

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Globale Jagd: Das Verschwinden der Steuerbefreiung
Die EU ist kein Einzelfall – eine weltweite Steuerjagd auf grenzüberschreitende Kleinpakete breitet sich aus:
USA: Am 29. August dieses Jahres wurde die Steuerbefreiung für Pakete unter 800 Dollar abgeschafft, was zu einem wöchentlichen Einbruch der Tuke-Exporte nach den USA um 80% führte. 88 Postbetreiber haben den Service eingestellt.
Großbritannien: Plant, die Steuerbefreiung für Importe unter 135 Pfund im Herbsthaushalt am 26. November abzuschaffen, was voraussichtlich jährlich 600 Millionen Pfund an Steuerausfällen zurückgewinnen wird.
Japan: Das Finanzministerium koordiniert die Abschaffung der Steuervergünstigungen für den Import von Privatwaren, die neuen Regelungen werden 2026 veröffentlicht.

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Branchenauswirkungen: Das Ende der Niedrigpreisstrategie und der Wandel zur Markenbildung
Für grenzüberschreitende Verkäufer bedeutet die Abschaffung der Steuerbefreiung eine grundlegende Veränderung der Kostenstruktur.
Nehmen wir als Beispiel ein Produkt mit einem Stückpreis von 50 Euro: Bisher konnte man durch die Steuerbefreiung für Waren unter 150 Euro etwa 12% Zoll umgehen. Nach der neuen Regelung müssen vergleichbare Produkte zusätzlich 6 Euro Steuern zahlen. Werden Mehrwertsteuer, Transport und Plattformprovisionen addiert, wird der Gewinn weiter geschmälert.
Die tiefgreifendere Auswirkung ist der Wandel des Geschäftsmodells.
In der Vergangenheit haben viele Verkäufer mit der Strategie „Kleinpakete + Niedrigpreis-Dumping“ den Markt schnell erobert. Doch künftig wird dieses Modell kaum noch funktionieren. Die Anti-Betrugsmaßnahmen der EU zielen gezielt auf „geteilte Sendungen“ und „falsche Wertangaben“ ab. Die Weiterentwicklung der Überwachungstechnologie (wie elektronische Zollanmeldung und Datenaustausch) wird Verstöße unmöglich machen.

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Die Abschaffung der Zollbefreiung in der EU ist sowohl ein Spiegelbild des weltweiten Protektionismus im Handel als auch ein Wendepunkt für die Entwicklung des grenzüberschreitenden E-Commerce von wildem Wachstum zu regulierter Entwicklung.
Für Verkäufer sind kurzfristige Schmerzen unvermeidlich, aber langfristig gilt: Nur wer aus dem Preiskampf ausbricht und sich auf Produktinnovation und Markenaufbau konzentriert, kann im neuen Handelsumfeld bestehen. In Zukunft wird der globale Wettbewerb im grenzüberschreitenden E-Commerce nicht mehr „Wer ist billiger?“ sein, sondern „Wer bietet mehr Wert?“.
