Im November 2025 startete der französische Einzelhandel eine „Normandie-Landung“ gegen den Fast-Fashion-Giganten Shein.
12 Branchenverbände reichten gemeinsam mit hundert lokalen Marken wie Promod und Monoprix eine Sammelklage beim Handelsgericht Aix-en-Provence ein und warfen Shein vor, den französischen Markt durch systematischen unlauteren Wettbewerb zu beeinträchtigen.
Diese von Bernard Cherki, Präsident des französischen Handelsverbandes, als „beispiellose“ rechtliche Aktion bezeichnete Klage könnte Schadensersatz in Milliardenhöhe fordern; die Anhörung ist für den 12. Januar 2026 angesetzt.

Bildquelle:BFMTV
Vorwürfe:Shein wird jahrelange illegale Praktiken vorgeworfen
Die Klägerseite listete auf der Pressekonferenz detailliert die zahlreichen Verstöße von Shein auf.
Bernard Cherki, Präsident des französischen Handelsverbandes, erklärte: „Täglich gelangen zwei Millionen Shein-Produkte nach Frankreich, diese Zahl hat sich in drei Jahren vervierfacht. Unser Verband beobachtet seit Jahren offensichtliche illegale Aktivitäten.“
Zu den Vorwürfen zählen:
Irreführende Werbung:Shein wird vorgeworfen, irreführende Werbe- und Rabattinformationen zu verwenden, die bei Verbrauchern den Eindruck von „Schnäppchen“ erwecken.
Produkt-Nichtkonformität: Bei einer jüngsten Zollkontrolle wurden 200.000 Shein-Pakete überprüft, wobei 80% nicht den Vorschriften entsprachen.
Verstoß gegen Datenschutz: Selbst wenn Verbraucher Cookies ausdrücklich ablehnen, verfolgt die Shein-Website weiterhin Nutzerdaten; dieses Verhalten wurde bereits von der französischen Datenschutzbehörde CNIL sanktioniert.
Unwahre Umweltbehauptungen: Untersuchungen ergaben zudem, dass Shein „seine auf der Website veröffentlichten Umweltversprechen nicht belegen kann“ und die Aussagen zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen irreführend sind.

Vorwürfe gegen Shein Bildquelle: francebleu
Gesetzliche Reaktion: Frankreich verschärft die Regulierung von Fast Fashion
Diese rechtliche Aktion ist kein Einzelfall, sondern steht im Einklang mit der jüngsten Verschärfung der Regulierung von Ultra-Fast-Fashion-Plattformen durch die französische Regierung.
Am selben Tag, an dem die Klage angekündigt wurde, verabschiedete die französische Nationalversammlung ein Gesetz, das eine Steuer von 2 Euro auf Nicht-EU-Pakete mit einem Wert unter 150 Euro erhebt.
Diese Steuer soll die Kontrollmechanismen für diese Produkte finanzieren und voraussichtlich jährlich 500 Millionen Euro einbringen, die für den Kauf von Scannern und die Einstellung von Zollbeamten verwendet werden.
Bereits im Juni 2025 verabschiedete der französische Senat mit überwältigender Mehrheit (337 Stimmen dafür, nur 1 dagegen) das „Fast Fashion Regulation Act“ und wurde damit das erste Land weltweit, das gesetzlich die Fast-Fashion-Branche einschränkt.
Das Gesetz führt ein ökologisches Bewertungssystem ein und erhebt ab 2025 eine Ökosteuer von 5 Euro pro Fast-Fashion-Artikel, die bis 2030 auf 10 Euro steigen soll.

Bildquelle:business-humanrights
Branchenauswirkungen: Überlebenskampf des traditionellen Einzelhandels
Der französische Einzelhandel betrachtet diese Klage als Verteidigungsschlacht für das lokale Geschäftsumfeld.
Marc Lolivier, Präsident von FEVAD, betonte, dass das Besucheraufkommen der Shein-Website dem der Webseiten von Carrefour, Fnac und Cdiscount zusammen entspricht – mit über fünf Millionen Besuchen täglich.
„Aber für uns war das Problem nie das Wachstum eines Akteurs. Das Problem entsteht, wenn dieses Wachstum auf unfairen Praktiken basiert.“
Pierre Talamon, Präsident des französischen Nationalen Bekleidungsverbandes (FNH), sagte: „Diese Maßnahme ist entscheidend, um die grundlegende Fairness zwischen französischen Einzelhändlern und Ultra-Fast-Fashion-Giganten wiederherzustellen.“
Er betonte weiter: „Es geht um wirtschaftliches Überleben, kommerzielle Gerechtigkeit und den Schutz von Hunderttausenden Arbeitsplätzen in unseren Geschäften, Werkstätten und Stadtzentren.“

Bildquelle: Internet
Kontroversen und Reaktionen
Angesichts der Vorwürfe bestreitet Shein energisch jegliches Fehlverhalten und kritisiert die Klägerseite dafür, „Konfrontation statt Dialog zu wählen“ und bezeichnet dies als „verdeckten Boykott“.
Doch unter dem regulatorischen Druck wurde die Expansionsstrategie von Shein in Frankreich schwer getroffen – geplante neue Filialen wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.
Der Kern dieser Klage ist ein Wendepunkt für die Einhaltung globaler Lieferketten.
Wie es in der Erklärung des französischen Handelsverbandes heißt:„Die Zeit des Laissez-faire ist vorbei.“
Wenn das Pariser Gericht im Jahr 2026 sein Urteil spricht, könnte dies das Ende des „wilden Wachstums“ im grenzüberschreitenden E-Commerce bedeuten –
Entweder lokalisieren – oder ausscheiden.
